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Baustelle für die Zentralen Medizinischen Funktionen auf dem Campus Schillingallee der Universitätsmedizin Rostock © 2018 Betrieb für Bau und Liegenschaften Mecklenburg-Vorpommern

Schlosspark Wiligrad wiederhergestellt

16.10.2017 I ELER im BBL M-V
Die Europäische Union (EU) unterstützt u. a. die Entwicklung strukturschwacher Regionen auf unserem Kontinent. Damit möchte die Gemeinschaft der 28 Mitgliedsländer unterschiedlich stark bzw. schwach entwickelte Gebiete einander angleichen. Einen Teil dieser Investitionen setzt der landeseigene Betrieb für Bau und Liegenschaften (BBL M-V) in Mecklenburg-Vorpommern um.

Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete

Maßnahmen zur Erhaltung, Wiederherstellung und Aufwertung kulturhistorischer Bausubstanz zum Schutz und der Erhaltung des ländlichen Kulturerbes bei Schlössern, Gutsanlagen und Parks
Schlosspark Wiligrad - Wiederherstellung

Vorbemerkungen zur historischen Gartengestaltung und zu baulichen Anlagen im Park

Der Schlosspark Wiligrad wurde 1896 bis 1902 nach Plänen des Weimarer Hofgärtners Armin Sckell (1836-1910) vom herzoglichen Förster Wilhelm Ahrens unter Einflussnahme des Herzogs gestaltet. Die Bedeutung im Zusammenspiel von Architektur und Landschaft zeigt sich u. a. in den Terrassenanlagen des Schlosses, sie ermöglichen den direkten Zugang zur Gartenanlage und einen ausgezeichneten Ausblick über Parkanlage und Umgebung eingebettet in die Landschaft am Schweriner See. Die Wege im Park sind nicht geometrisch angeordnet, sondern verlaufen in der natürlichen Umgebung. Um das Schloss sind von Rosen umrankte flache Ziergrünflächen angelegt, die einen freien Blick auf das Schloss ermöglichen. Exotische Pflanzen wie Ginkgo, Pyramideneiche, Kaukasus-Fichte, Tulpenbaum und Blutbuche wurden gezielt als Solitäre gegen den Waldbestand gesetzt, wie auch die Rhododendronsträucher ein zusammenhängendes Band als Kontrast zum Buchenbestand des Waldparks bildeten.
Schloss und Park sind verknüpft durch u. a. von Baumbestand freigehaltenen Sichtachsen, die unter anderem den Blick auf den Schweriner See und das Schweriner Schloss ermöglichen. Über eine dieser offen gehaltenen Sichtachsen ergibt sich der imposante Blick aus dem Salonfenster der Südseite auf den Schweriner See mit der Insel Rethberg.
Im Schlosspark mit einer Gesamtfläche von fast 210 ha finden sich verschiedene Architekturelemente wie Vasen, Gedenksteine und Denkmäler, die besondere Stellen in der Landschaft auszeichnen. Heute befinden sich ca. 19 ha davon in Landesbesitz.

Freianlagen

Die besondere Lage des Parks am Steilufer des Schweriner Sees, etwa 30 Meter über dem Seespiegel gelegen, erforderte zum Teil aufwendige Lösungsansätze zur Umsetzung der geplanten Maßnahmen. Zuerst musste eine Baustraße zur Erschließung des Baubereiches am Ufer über eine große Entfernung angelegt werden, da ein direkter Zugang zum Wasser und den prägenden Promenadenwegen nur unter Verwendung kleinster Technik möglich war. Zum wirtschaftlichen Transport und Einsatz von Material, Maschinen und Geräten war eine Baustraße unabdingbare Voraussetzung. So mussten zum Beispiel in einem ersten Bauabschnitt auch die Veränderungen des Reliefs im Bereich der Tre Fontane (ehemaliger Schießplatz) rückgängig gemacht werden, um das Quelltal in seiner romantischen Wirkung wieder erlebbar zu machen. Zur Zeit der Nutzung des Parks als Polizeischule war eine Ebene mit schwerer Technik ausgeschoben worden, um aus Richtung des Sees hin zum Quellbereich schießen zu können. Es lag die Vermutung nahe, dass der gestaltete Bereich im Oberlauf des Quellbaches dadurch unwiederbringlich zerstört wurde, die Erdmassen im unteren Abschnitt die historischen Befunde aber nur überdeckten. Der Kugelfang aus hunderten Eisenbahnschwellen wurde bereits im Jahr 2004 abgebrochen und fachgerecht entsorgt.
Entsprechend der Planung wurde zuerst auf Grundlage alter Bodenhorizonte und verschütteter Stubben das alte Geländeniveau wiederhergestellt. Durch besonders behutsame Baggerarbeiten traten im seenahen Auslaufbereich der Quellen immer mehr Findlinge zu Tage. Großtechnik musste nun durch Handarbeit und lediglich Minibaggereinsatz ersetzt werden. Nur so konnte es gelingen, den historisch gefassten Bachlauf in situ wieder auf zwei Drittel der Länge freizulegen. Sogar ein mit Betonsohle befestigtes Überlaufbecken konnte gesichert und erneut in das Tal integriert werden. Der zerstörte Bereich wurde in gleicher Bauweise sinngemäß ergänzt. Der Wasserlauf plätschert heute wieder wildromantisch wie vor hundert Jahren - kaum etwas erinnert noch an Schüsse, die hier vierzig Jahre die Idylle störten.
Für die Wiederherstellung der zugewachsenen Sichtachsen zum Schweriner See und dem Bezug zur umliegenden Landschaft wurden teilweise spezielle Baumkletterer beauftragt. Einfache Fällungen, wie sonst üblich, waren hier im sensiblen Hangbereich nicht möglich. Die Bäume mussten Stück für Stück abgetragen und das anfallende Material abgeseilt werden. Wichtige Dokumente, wie alte Abbildungen und Luftbilder, lieferten außer der Altersbestimmung der Bestände die entscheidenden Hinweise zur denkmalpflegerisch gesicherten Freilegung der historischen Bezüge. Zur Abstimmung mit den Naturschutzbehörden, und hier unter besonderer Beachtung der Belange des FFH-Gebietsschutzes, wurde eine umfangreiche Konzeption zur Entwicklung des Baumbestandes im Schlosspark erarbeitet. Nach Genehmigung und Realisierung der Fällungen war die bis dato vorherrschende Abschottung der Anlage nicht mehr geboten, die traumhafte Lage am See kann nun wieder intensiver wahrgenommen werden. Im Rahmen künftiger Pflegemaßnahmen ist die Aufmerksamkeit vor allem darauf zu richten, den Wildwuchs in diesen wichtigen Bereichen weiter zu unterdrücken und noch stärker zurückzudrängen. Viel Handarbeit war erforderlich, um die seit Jahrzehnten zum Teil völlig verschütteten Wege am Hang wieder zugänglich zu machen.
Zur Sicherung gegen Erosion wurden Mauern aus Findlingen gesetzt. Weiterhin mussten große Abschnitte der ehemaligen Uferbefestigung gesichert und wieder aufgebaut werden. Maßgeblich war auch hier der noch im Boden vorhandene Bestand an Findling. Die untere Lage des Mauerwerks aus Findlingen war stets vorhanden, der weitere Aufbau zu großen Teilen zusammengebrochen, am Hang abgerutscht oder lag im Wasser in der Nähe des Ufers. Große Mengen an Findlingen konnten so geborgen und wiederverwendet werden, verlorengegangene wurden nachgeliefert und ergänzt. Alle Wegeverläufe, wie auch die Uferlinie in ihrer ursprünglichen Lage, konnten so zweifelsfrei nachgewiesen und am Originalstandort wiedererrichtet werden.
Ebenso gelang es, historische Standorte von Kleinarchitekturen freizulegen und entsprechende Nischen im Wegeverlauf erneut sichtbar zu machen. Im Bereich des Weges, von der Elisabethquelle kommend, verlief die Befestigung des Hanges auf Höhe des Abgangs zum Ufer unerwartet in die Böschung Richtung Schloss. Hier lag die Vermutung nahe, dass die sogenannte Kaisertreppe ursprünglich direkt vom Hafen zum Schloss hinaufführte. Suchgrabungen ermöglichten, die historische Treppenanlage vollständig freizulegen, die bisher unter Asche- und Müllablagerungen vieler Jahrzehnte verborgen war. Vermutlich bedeckten sie zum großen Teil die Verbrennungsrückstände aus dem ehemaligen Maschinenhaus. Die ehemaligen Holzstufen waren bereits deutlich zersetzt, konnten aber die Bauart und den ursprünglichen Verlauf zum Schloss eindeutig belegen. Heute erreicht der Besucher über 130 neue Holzstufen in wenigen Minuten das Ufer des Schweriner Sees. Damit wurde ein wichtiges Gestaltungselement zur direkten Erlebbarkeit des mächtigen Höhenunterschiedes im Park wieder herausgearbeitet. Im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen konnten zwei weitere Verbindungstreppen im Hangbereich wiederbelebt werden, eine am nördlichen Parkrand im Bereich des privaten Waldes und eine südliche, welche das Quelltal Tre Fontane erschließt. Der Besucher hat nun wieder die Möglichkeit, sich das Parkgelände über verschiedene Rundwege zu erschließen.
Weitere gestalterische Höhepunkte konnten entlang des Promenadenweges am Ufer stärker betont werden. Dies betrifft an erster Stelle die Sicherung und deutliche Herausarbeitung des ehemaligen Hafens für Segel- und Ruderboote. Der Hafen, ursprünglich durch eine Mole geschützt, war in den vergangenen Jahren stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Durch Naturgewalten verschwand die Mole unter der Wasseroberfläche und bot dem Ufer keinen Schutz mehr. Die Folge waren starke Ausspülungen bis weit in den Wegebereich hinein. Durch die fehlende Nutzung als Hafen war es wirtschaftlich nicht vertretbar, die historische Mole wieder zu errichten. Bei ruhiger See ist sie aber noch deutlich unter der Wasseroberfläche sichtbar. Die Hafensicherung lässt heute in einem kurzen Stück den Befestigungsansatz der Mole erkennen, der Originalstandort einer sogenannten "Teneriffabank" konnte belegt und mit einem Nachbau in gleicher Form wiederhergestellt werden. Als Vorlage diente ein historisches Seitenteil, welches einer niederländischen Firma zum Abguss in Beton zur Verfügung gestellt werden konnte. In Archivdokumenten ist die Aufstellung von zehn Teneriffabänken und 20 Gartenbänken dokumentiert, wenn auch leider nicht die exakten Standorte. Die historische Stückzahl lässt auf eine rege Nutzung der Parkanlage zu Anfang des 20. Jahrhunderts schließen. Im gleichen Formenkanon werden heute die verschiedenen Banktypen wieder aufgestellt.
Eine historisch wichtige Funktion im Uferbereich hatte das Pumpenhaus direkt unterhalb des Schlosses. Zur eigenen Wasserversorgung der Bewohner wurde das Seewasser weit aus dem Schweriner See gepumpt - bei ruhiger See sind die Rohre am Grund heute noch sichtbar - in einem Brunnen, einer Kopie nach einem Pozzo im Park der Villa Borghese, gesammelt, um dann von Pumpen weiter in die Zisterne im Turm befördert zu werden. Der ehemaligen Bedeutung gerecht werdend, wurde auch dieser Bereich wieder besonders aufgewertet und prägt hier den Uferbereich mit seinem mediterranen Flair.
Im weiteren Wegeverlauf in Richtung Süden, unterhalb des Quellaustritts der Elisabeth-Quelle, konnte im Rahmen der Baumaßnahme eine geologische Besonderheit, die so genannte "Steinerne Rinne", eine Kalktuffquelle, als geschütztes Geotop wieder stärker betont werden. Bedingt durch die besonderen geologischen Verhältnisse bildet hier kalkhaltiges Quellwasser in Verbindung mit Moosen Verkarstungen, die durch die Ausfällung von Kalk aus Kalziumbikarbonat unter Freisetzung von Kohlendioxid entstehen.
Eine besondere bauliche Herausforderung bestand in der Sicherung der völlig verfallenen Elisabeth-Nische. Alle geborgenen Steine wurden wieder verwendet, einige zugekauft. Einem Zufall ist es zu verdanken, dass heute die verloren geglaubte Sitzgruppe zu Teilen aus Fundstücken wieder aufgebaut werden konnte. Die Tischplatte und zwei Banksockel lagen seit vielen Jahrzehnten im Wasser des Schweriner Sees und harrten ihrer Entdeckung und Bergung.
Nach langer Planungszeit und notwendigen Räumungsarbeiten konnten Anfang des Jahres 2013 die Abrissbagger anrollen und mit dem Rückbau der zwei Bunker beginnen. Hier galt es, den größten Eingriff in die Parkanlage allmählich zu beseitigen und durch behutsame Geländemodellierung die ursprüngliche Reliefenergie zurückzuholen. Bei beiden Bauwerken handelte es sich um ehemalige Munitionsbunker der Polizeischule, errichtet in massiver Bauweise inmitten des Parkgeländes. Hierbei wurde die vorhandene historisch freie Sichtschneise durch zusätzliche Rodungen der Buchen- und Rhododendronbestände erweitert.
Von herausragender Bedeutung und damit den Schlosspark Wiligrad bis heute besonders prägend, ist die Bepflanzung mit Rhododendron. In seitlicher Ausdehnung und mit einer Höhe von bis zu 6 Meter sind die heute noch vorhandenen über 100-jährigen Bestände einmalig in dieser Region. Vermutlich wählte man diese Pflanzen außer der für sie anzutreffenden günstigen Standortbedingungen auch, weil sie im Gegensatz zu anderen Ziergehölzen und Stauden weniger von Rehen verbissen werden. Bedingt durch die besondere Lage Wiligrads inmitten eines gewachsenen Waldes war der Wilddruck schon immer sehr hoch. Aus diesem Grund wurde der schlossnahe Parkbereich bereits zur Bauzeit eingezäunt. Die Gestaltung mit der Leitgattung Rhododendron wird nun wieder aufgenommen und weiter betont.
Gestalterischer Höhepunkt und Auftakt dieses hochwertigen Bereiches bildet der wieder zu errichtende Laubengang. Anhand alter Abbildungen war zunächst der ungefähre Standort ermittelt worden, bevor im Rahmen der Baumaßnahme in diesem Bereich die Lage durch Suchgrabungen eindeutig belegt werden konnte. So wurden sowohl die historischen Stahlbandeinfassungen als auch die Fundamente mit Resten der Konstruktion des Laubengangs gefunden. Eine Länge von 11,50 Meter bei einer Breite von 1,70 Meter konnte aufgemessen und dokumentiert werden. Da allerdings die genaue Ausführungsart und Gestaltung der einzelnen Rundbögen nicht exakt belegt werden kann, ist der Wiederaufbau in moderner Form erfolgt.
Ein den Park besonders prägendes vegetabiles Gestaltungsmittel liegt in der Etablierung des Schlosskomplexes inmitten des Waldes begründet. Auch waren besonders diese waldartigen Elemente in einem Park, verbunden mit Unterpflanzungen und Staudensaum, beliebte Strukturgeber in der späten landschaftlichen Gestaltung zum Ende des 19. Jahrhunderts. Im Rahmen der Einschlag- und Rodungsarbeiten kam es zur Zeit der Polizeinutzung zu massiven Eingriffen, die soweit wie möglich wieder kompensiert werden sollen. Mit einer Initialpflanzung von Heistern und Hochstämmen als strukturbildende Schirmpflanzen soll der ursprünglich vorhandene Waldsaum wiederhergestellt werden. Heimische Sträucher ergänzen die Randbereiche und betonen mit vorhandenen und neu gepflanzten Rhododendren die wiederherzustellende, historisch nachgewiesene Waldkante. Durch weitere Sukzession werden sich diese Flächen in den kommenden Jahrzehnten zu natürlich anmutenden Strukturen entwickeln.
Im Bereich des Rondells vor dem Schloss konnte durch eine bauvorbereitende Grabung die ehemalige Einfassung des Rasenspiegels gefunden werden. Die ursprüngliche Geometrie des Platzes, in den vergangenen Jahren als Buswendeschleife missbraucht, kann nun denkmalgerecht wiederhergestellt werden. Er bildet gleichzeitig den würdigen Rahmen für die Wiederaufstellung des Braunschweiger Löwen auf seinem über fünf Meter hohen Sockel aus Kalkstein. Der Herzog hatte dieses Monument 1914 als Geschenk zum Dank für seine Regentschaft des Herzogtums Braunschweig von 1907 bis 1913 erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden Löwe und Sockel spurlos. Genau 100 Jahre nach seiner Errichtung konnte das historisch bedeutsame Denkmal wieder seinen angestammten Platz direkt vor dem Schloss einnehmen und auch den Abschluss der Wiederherstellung des Schlossparks Wiligrad markieren.

Planungsdaten Schlosspark Wiligrad

Gesamtbaukosten ca. 2,5 Mio. Euro
davon Förderung durch die Europäische Union (ELER) ca. 1,5 Mio. Euro
Baubeginn 01/2011
Bauende 02/2015
Hauptnutzfläche ca. 19 ha Parkfläche
Bauherr Land Mecklenburg-Vorpommern vertreten durch den BBL M-V Geschäftsbereich Schwerin
Stand: 25. September 2018

Schloss und Schlosspark Wiligrad